8./9. März 1997
Das Geschäft heißt Gaga
Fast alle Sender sind mit Comedy-Programmen erfolgreich jetzt entdeckt auch Pro Sieben den Humor-Boom
VON TITUS ARNU
Eine neue Krankheit ist ausgebrochen: die Bullymie. Diese Spaß-Seuche grassiert besonders in München, und die Opfer leiden unter seltsamen Symptomen. Sie ziehen zwanghaft "Bully- Bummwullmützen" an, bekleistern Wände mit "Bully-Tapeten" und sehen die Welt durch "Bully-Brillen". Infiziert wurden die meisten Bullymatiker beim Radiohören. Bully alias Michael Herbig kalauerte sich drei Jahre lang täglich durch die Morgenshow Langemann und die Morgencrew, seit Anfang 1997 verbreitet er seine Scherzviren bundesweit über Bullys Late Night Show auf Radio Energy. Auch das Lokallernsehen tv münchen pflegt den bullyigen Bayern- Humor mit der Kleinquatschserie Die Männer von Isar 3. Nun kommt ein weiterer Infektionsherd hinzu. Pro Sieben strahlt in Zukunft jeden Samstag die Bullyparade aus.

Die größte Lachnummer
Jan Körbelin, Programmdirektor von Pro Sieben, feiert Michael "Bully" Herbig schon einmal vorsorglich als "bestes Comedy-Nachwuchstalent Deutschlands". Auch viele andere beste Comedy- Nachwuchstalente Deutschlands proben auf dem derzeit extrem spaßorientierten Fernsehmarkt den Durchbruch. Der Hamburger Unterhaltungsprofi Thomas Hermanns moderiert, ebenfalls bei Pro Sieben, von Montag an eine Show mit Stand-up-Comedians, den Quatsch Comedy Club. RTL-Witzbold Mirco Nontschew soll demnächst durch eine eigene Witz-Sendung bei RTL führen, geplanter Titel: Just Kidding. Sat 1 bastelt für Diether Krebs und Carry Goossens an einer neuen Sketch-Show mit dem Arbeitstitel Gaston & Leo. Der Sender arbeitet außerdem an einer deutschen Fassung von Monty Pythons Flying Circus. Die ARD belebt den Klamauk-Klassiker Sketchup mit neuer Besetzung wieder, das ZDF eröffnet am kommenden Donnerstag Holgers Tankstelle mit den Kabarettisten Gabi Decker und Reinier Groustra. Und die bewährten Comedy-Sendungen RTL Samstag Nacht, Comedy Factory (Pro Sieben), 7 Tage - 7 Köpfe (RTL), Die Wochenshow (Sat 1) und Happiness (RTL) streiten auch noch um den Titel der größten Lachnummer.
"Nun wird endlich die Grundversorgung mit Comedy geschaffen", sagt Entertainer Thomas Herrmanns, der bei Premiere einst Talente wie Wigald Boning und Olli Dietrich förderte, "die Deutschen haben da einen großen Nachholbedarf ". Natürlich wollen viele, Zuschauer abends vom Fersehen zerstreut werden, aber die Quatsch-Aufnahmefähigkeit hat auch Grenzen. Es gibt nur 60 Comedians in Deutschland, und die tauchen dauernd mit den gleichen Nummern auf, in der Harald-Schmidt-Show, bei RTL Samstag Nacht und demnächst im Quatsch-Comedy-Club. 

Hausgemachter Humor
Der Comedy-Boom im deutschen Fernsehen überschreitet gerade seinen Höhepunkt. Während Sat 1 und RTL bereits mehrere Sketchsendungen, Witzparaden und Nonsensnachrichten im Programm haben, bemühen sich nun auch Pro Sieben, ARD und ZDF, beim Gaga-Geschäft nicht leer auszugehen. Die Humor-Anstrengungen von Pro Sieben sind deshalb so beachtlich, weil sie zwar aufwendig und gut durchdacht daherkommen, aber auch reichlich spät. Der Comedy- Zug rauscht gerade mit Hochgeschwindigkeit durch die Fernsehlandschaft, und Pro Sieben versucht noch schnell aufzuspringen. Seit Ende 93 zeigen die Profi-Blödler von RTL Samstag Nacht, daß mit Comedy nach einer gewissen Anlaufzeit auch gute Quoten zu erzielen sind. Das Trödeln bei Trends scheint symptomatisch für die Programmpolitik von Pro Sieben zu sein. Auch bei anderen Disziplinen der Fernsehunterhaltung waren die Konkurrenten stets um einige Nasenlängen voraus. Lange nachdem Sat 1 und RTL ihre Nachmittagsprogramme mit Talkshows gefüllt hatten, versuchte sich auch Pro Sieben an einer Quasselrunde. Und lange nachdem RTL und Sat 1 sich vom Infotainment in den Abendnachrichten verabschiedet hatten, präsentierte auch Pro Sieben eine hochseriöse Nachrichtenschiene.
Die meisten Sender senden Trendscouts in Discos, Bars und Kleinkunstbühnen aus, um die Unterhaltungsbranche nach quotenträchtigen Entwicklungen abzusuchen. Pro Sieben wählte einen gründlicheren Weg. Als RTL schon lange einen festen wöchentlichen Comedy-Sendeplatz hatte, berief Pro Sieben einen Workshop ein, der erst einmal klären sollte, ob und wie Comedy im deutschen Fernsehen überhaupt funktioniert. 1995 konferierten dreißig Humor-Experten, Autoren, Regisseure und Künstler über den deutschen Fernsehwitz. Ergebnis dieser humoristischen Basisarbeit war ein Projekt namens Comedy Factory; im Dezember 1995 entstand eine Pilotsendung. Ende November 1996 nahm der Sender dann schließlich die Witzproduktion in der Comedy-Factory auf. Die erste Staffel schaffte nie den Sprung über drei Millionen Zuschauer.
Pro Sieben übt sich in Geduld: "Humor muß wachsen", sagt Unterhaltungschef Oliver Mielke, und über die Bullyparade meint er: "Man kann gar nicht anders - man muß einfach mitlachen." Das Motto gilt auch für die Unterhaltungspolitik von Pro Sieben: "Man kann gar nicht anders - man muß einfach mitmachen." Denn mit Comedy und Sitcom läßt sich derzeit viel Geld verdienen. RTL machte im Februar das Hauptgeschäft mit Comedy. Bis zu sechs Millionen Zuschauer sahen nach Angaben des Senders die neuen Sitcoms Das Amt und Die Camper. 7 Tage - 7 Köpfe übertraf so- gar eine parallel laufende Bundesliga-Sendung.
Bis Pro Sieben mit seinem Humor Geld macht, werden noch viele Pointen den Bach hinuntergehen - erst muß sich der neue Ablachplatz durchsetzen. Der Montagabend, an dem nacheinander die Comedy Factory, der Quatsch Comedy Club und dann die Kuriositäten-Show Arabella Night zu sehen sind, scheint als Spaßtermin gut geeignet. Der Samstagabend ist von den RTL-Kollegen besetzt, und an den übrigen Wochentagen sitzen überzeugte Nonsens-Freunde vor Harald Schmidts Late-Night-Show: Dienstags bis freitags deckt Schmidt den Bedarf an Witzen über Frauen, Polen und Schwule ab. Montags witzeln nun Thomas Hermanns und seine Gäste über polnische Putzfrauen und andere politisch nicht korrekte Themen. "Comedy polarisiert immer", sagt Unterhaltungschei Mielke, aber ihm sei es lieber gewesen, nachdem er 1995 bei Pro Sieben begann, "über Geschmacksfragen nachzudenken, als auf den Gameshow-Zug aufzuspringen". Das wäre auch zu spät gewesen. Der Gameshow-Zug war damals gerade abgefahren.

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